spektrumdirekt: Warum legt die Erderwärmung gegenwärtig überhaupt eine Pause ein?
Latif: Grundsätzlich ist es kein Wunder, dass die Erderwärmung eine Pause einlegt. Das ist zu erwarten, denn es können nicht Jahr für Jahr neue Rekorde gebrochen werden. Zum einen gibt es den menschlichen Einfluss auf das Klima, der den langfristigen Erwärmungstrend produziert. Andererseits haben Sie natürliche Schwankungen, die diesen Prozess kurzfristig überlagern: Mal sorgen sie dafür, dass sich die Erwärmung beschleunigt, mal bewirken sie, dass sich die Entwicklung etwas abschwächt. Für uns Klimaforscher ist es deshalb nicht ungewöhnlich, dass die Erwärmung bis zur Mitte des nächsten Jahrzehnts pausieren könnte. Danach wird sie dafür wohl umso schneller weitergehen.
spektrumdirekt: Und was löst die gegenwärtige Pause klimatisch aus?
Latif: Zwei Phänomene spielen nach unseren Berechnungen eine Rolle. Sowohl im Pazifik als auch im Atlantik verändern sich die Meeresströmungen in einer Art und Weise, dass sie für eine gewisse Zeit abkühlend wirken: die Pacific Decadal Oscillation (PDO) und die Atlantic Multidecadal Oscillation (AMO). Das sind natürliche Schwingungen im Klimasystem, die nach unserem Modell in den nächsten zehn Jahren in ihre negative Phase schwenken und den Effekt der globalen Erwärmung überlagern.
spektrumdirekt: Wie wirkt sich das konkret auf Europa aus: Müssen wir in den nächsten Jahren wieder mit etwas kälteren Wintern rechnen?
spektrumdirekt: Das verschiedentlich im Internet geäußerte "Global Cooling" fällt also aus?
Latif: Ja, wir erhalten eine Atempause – mehr nicht. Das Problem der Erderwärmung ist dadurch keinesfalls vom Tisch. Wir hatten das auch ganz eindeutig betont, weil wir schon damit gerechnet haben, dass unsere Aussagen von bestimmten Seiten bewusst missverstanden werden.
spektrumdirekt: Wie geht es nach der Atempause weiter?
spektrumdirekt: Klimaforscher blicken mit ihren Modellen ja meist bis zur Mitte oder zum Ende des Jahrhunderts. Gleichzeitig haben sie Schwierigkeiten, kurzfristiger in die Zukunft zu blicken. Woher kommt dieser Unterschied?
Latif: Mathematisch ist dies relativ einfach zu erklären, denn es handelt sich dabei um jeweils andere Arten von Vorhersagen. In den Modellen der Klimaerwärmung geht es darum, was passiert, wenn wir den Ausstoß von Treibhausgasen bis zum Ende des Jahrhunderts immer weiter steigern – so, wie wir es in den letzten Jahrzehnten praktiziert haben. Damit können Sie berechnen, wie sich das Klima langfristig ändert.
Ich erläutere Ihnen das an einem Beispiel: Ich kann sagen, dass der nächste Winter kälter wird als der Sommer, aber nicht, ob wir auch weiße Weihnachten haben werden. Denn beim Wetter spielen im Gegensatz zum Klima sehr viele kurzfristig auftretende Faktoren eine entscheidende Rolle. Dass der Winter kälter ist als der Sommer, liegt dagegen einfach daran, dass sich der Sonnenstand ändert – mathematisch gesehen eine Randbedingung. Beim Klimawandel ist diese Randbedingung die Zusammensetzung der Erdatmosphäre, die sich in einer bestimmten Art und Weise verändert und damit langfristig das Klima erwärmt.
spektrumdirekt: Der nächste Weltklimagipfel in Kopenhagen steht nun ja vor der Tür, und UN-Generalsekretär Ban Ki Moon fürchtet schon vor dessen Beginn, dass ein neues Abkommen zum Klimaschutz nicht zu Stande kommen wird. Was würde das für die Weltgemeinschaft bedeuten?
Insofern ist das Kind noch nicht in den Brunnen gefallen, wenn Kopenhagen scheitert. Aber uns läuft die Zeit davon – das ist das Problem. Wir reden über einen enormen Strukturwandel für die nächsten Jahrzehnte. Wir müssen die Weltwirtschaft umbauen in Richtung der regenerativen Energien. Je länger wir warten, desto schwieriger wird das Ganze und auch teurer.
spektrumdirekt: Seit der letzten Konferenz in Bangkok gelten die Europäer als Bremser, obwohl sie sich gerne als Vorreiter im Kampf gegen den Klimawandel sehen. Enttäuscht Sie das?
Latif: Es gibt momentan eigentlich niemanden, der pauschal zum Vorbild taugt – auch die Europäer oder die Deutschen nicht. Wir hatten sehr viel Glück mit der Wiedervereinigung, die uns sehr viele Emissionen eingespart hat. Außerdem hat die Industrie einen großen Teil ihrer Produktion ausgelagert und ihre Treibhausgase dabei gleich mit.
Was die Europäer insgesamt anbelangt, ist das Problem, dass sie nicht ernsthaft bereit sind, genügend Geld zur Verfügung zu stellen. Wir können nicht von den Entwicklungsländern erwarten, dass sie den Karren allein aus dem Dreck ziehen. Diese Nationen müssen sich nachhaltig entwickeln und an die Klimafolgen anpassen, die ohnehin nicht mehr vermeidbar sind. Und das kostet Geld. Zudem waren die USA bislang nicht bereit, etwas zu unternehmen, weshalb wir nicht von China erwarten können, dass sie vorangehen.
spektrumdirekt: Die USA und China wollen nun aber zumindest bilaterale Vereinbarungen treffen, um ihren Schadstoffausstoß zu senken. Was halten Sie von diesen Initiativen: Sind sie eine Alternative zu einem globalen Abkommen?
Latif: Beide zusammen verantworten gut 40 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes. Wenn diese beiden Staaten dagegen vorgehen wollen, kann ich das nur begrüßen. Ich fordere schon lange, dass ein Land vorangehen müsste: Ein Umwelt-Obama und ein Umwelt-Jintao kämen gerade recht für das Weltklima.
spektrumdirekt: Und eine Umwelt-Merkel?
Latif: Wäre auch gut, aber ich kann das nicht erkennen. Leider kneift die Kanzlerin immer, wenn es ernst wird.
spektrumdirekt: Herr Latif, wir danken Ihnen für das Gespräch.








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1. ... mehr als ein Jahrzehnt können wir bislang nicht ....
03.11.2009, Edy AHNEN, Luxemburg-BereldangeDieses Zurückrudern könnte man als Anpassung an die Realität ansehen, würde Herr Latif nicht schon wieder skandieren: "Danach wird sie (die Erwärmung) dafür wohl umso schneller weitergehen."
Bevor man solche Vorhersagen macht, sollte man sich da nicht zuerst einmal fragen, wieso die letzten Vorhersagen nicht eingetroffen sind? Es gibt ja sogar Klimatologen, die behaupten, das Klima könnte erst einmal 25 Jahre lang "Pause machen", um das Versäumte dann wieder aufzuholen.
Man fragt sich was mit den Prognosen geschehen ist, die man vor 10 oder 20 Jahren machte beziehungsweise mit den das Netz füllenden Untergangsprophezeiungen der letzten drei Jahre. Immerhin hat Sven Titz in seinem Artikel " Kalt Erwischt" http://www.spektrum.de/artikel/979390&_z=798888 deutlich auf diesen Sachverhalt hingewiesen.
Wenn das Klima sich auf natürliche Weise so verändern kann wie die letzten 60 Jahre, wie kann man dann in den letzten 100 Jahren mit 99,999-prozentiger Wahrscheinlichkeit den Einfluss des Menschen herauslesen? Wer bei den hin- und zurückrudernden Aussagen der Klimatologen nicht skeptisch wird, ist selbst schuld, mit Verlaub.
Freundliche Grüsse aus Luxemburg
2. Alibi-Schaukampf
16.11.2009, J. Krieger, MünchenWir können jedenfalls weit genug in die Zukunft blicken, um zu wissen, dass unsere Energie- und sonstige Resourcenverschwendung zwangsläufig in einen irgendwann nicht mehr funktionsfähigen Zustand führt: Stetig wachsender "Bedarf" kann irgendwann nicht mehr bedient werden, das ist mit allem so (über den Zeitpunkt mögen sich Prognostiker streiten - am Sachverhalt ändert sich nichts).
Um hier wenigstens ein bisschen gegensteuern zu können, ohne den auf die "bad-word-list" gesetzten Begriff "Ökologie" zu benutzen, hat man sich den "Klimaschutz" einfallen lassen.
Natürlich muss man auch CO2-Emissionen herunterfahren, wenn der Verdacht besteht, dass CO2 das Klima beeinflusst - aber letzten Endes ist das nicht das größte ökologische Problem.