Thomas Metzinger ist Professor für Philosophie und lehrt am Internationalen Studiengang „Cognitive Science“ der Universität Osnabrück.
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1. Welch ein Unterschied!
07.11.2006, Ingo-Wolf Kittel, AugsburgSie zu stellen, heißt sie zu beantworten ...
Noch mehr sticht der vorbildlich-sachliche Stil und ausgesprochen angenehm-unpretentiöse Duktus des Kommentars hervor. Er demonstriert, wie Ergebnisse und Diskussionen wissenschaftlicher Forschung angemessen, sachlich wie historisch genau und informativ, differenziert und reflektiert dargestellt werden können.
So möchte man in einem populärwissenschaftlichen Journal aus dem Hause "Spektrum der Wissenschaft" als Leser bedient werden.
2. HINWEIS - zur Ergänzung
07.11.2006, Ingo-Wolf Kittel, AugsburgDie Entgegnung von Frau Dr. Aus der Au Heymann und Herrn Schleim unter dem Titel
"Selbsterkenntnis hat ihren Preis - Replik auf Thomas Metzingers "Der Preis der Selbsterkenntnis" (Gehirn&Geist 7-8/2006)
ist zu finden auf bzw. über diese URL:
http://www.gehirn-und-geist.de/artikel/856047
3. Lieber staunen
14.11.2006, Philipp Berens, Tübingensie sehen keinen Grund die Evolution zu glorifizieren. Schade. Sollten wir uns nicht unserer einzigartigen Fähigkeit freuen, dass wir über die Evolution staunen können? Sollten wir uns nicht begeistern, dafür, was sie hervorgebracht hat, dass sie Wesen erschaffen hat, die in der Lage sind zu staunen? Im Angesicht der Erkenntnis unseres Todes und seiner Unausweichlichkeit trotzdem uns an unseren Gefühlen und der Möglichkeit dazu zu freuen (auch wenn es keine schönen sind), ist vielleicht eine Herausforderung. Aber ohne diese, auch nicht der Rest.
Philipp Berens
4. Erziehung, Gerechtigkeit und Verantwortung
22.11.2008, Dr. Dorrit Schindewolf Facharzt für Neurologie und PsychiatrieDer Preis der Selbsterkenntnis wurde doch schon beim Rauswurf aus dem Paradies entrichtet - "im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen". Das Schlaraffenland ist noch immer eine Utopie im Märchen. Schwer aber unausweichlich ist bis heute die Aufgabe des Menschen, seine Triebe selbst zu steuern, anstatt, wie die Tiere, von ihnen gesteuert zu werden. Altes und Neues Testament sind im Grunde Erziehungsbücher, Anleitungen zur Selbsterziehung, zeitlos, immer wieder höchst aktuell und unbequem. Daher war die Versuchung der Mystik schon immer sehr groß. Die "Kränkungen" unserer Aufklärung sind im Grunde Entmystifizierungen, für die wir dankbar sein sollten. Denn ließen wir uns weiter von Ideologien leiten, würden wir am Ende unsere Lebensgrundlagen unter dem Mythos des ständigen Fortschritts munter weiter selbst zerstören. Nun scheint die vergebliche Suche der Hirnforschung nach einem persönlichen Willen, nach den nicht mehr zu negierenden Erfolgen der Evolutionsgeschichte, der Genetik und der Selbstorganisation der Materie erneut die Möglichkeit zu einer Ausflucht in eine - nun materielle - Vorbestimmtheit und damit Vergeblichkeit aller Mühen zu eröffnen. Erinnern wir uns an die jüngste so befreiende 'These', dass Erziehung eine nutzlose Anstrengung sei angesichts der genetischen Vorgaben.
Hirnforschung ist, wie es die Forscher selbst erklären, nur ein kleiner Baustein zur Kenntnis unserer selbst. Selbstverständlich sind die Stoffwechselprozesse im Gehirn genauso wie im übrigen Körper physiko-chemische Prozesse. Ohne Hormone und Neurotransmitter wären wir ohne Antriebe. Ohne Antriebe wären wir bewegungslose, ohne Empfindungen Blinde und Taube und ohne Hunger tote Körper usw. Auf dem Gebiet der Selbsterkenntnis ist die Hirnforschung aber ohne die Psychologie und die Verhaltensforschung wie ein Atlas der Anatomie ohne die Physiologie, ohne praktischen Wert für das Verständnis des Lebens. Den Willen als solchen zu lokalisieren ist wahrscheinlich genau so schwierig wie den Sitz des Geistes oder des Ich, obwohl wir doch gewiss sind, alle drei zu besitzen. Hier geben uns die verschiedenen Krankheitsbilder und die lokalen Zerstörungen im Gehirn nach Unfällen genügend Hinweise auf ihre reale Existenz, denn alle drei können beschädigt sein, je nachdem welche Regionen daran beteiligt sind.
Die Hirnforschung hat u.a. mittels der bildgebenden Verfahren nachweisen können, dass das vielleicht drängendste Problem seit der Antike, die Gerechtigkeit, auf einem angeborenen Bedürfnis beruht, das auch Schimpansen haben. Sie bedeutet für die Seele, was das Gleichgewicht für den Körper ist, die Homöostase für den Stoffwechsel oder ein stimmiges Weltbild für das Gehirn. Beim Menschen ändert sich jedoch mit Ausreifung des Gehirns und der zunehmender Beweglichkeit des Denkens das zunächst wie beim Schimpansen ebenfalls egozentrische impulsive Verhalten. Die gedankliche Distanzierug von der unmittelbaren Situation und die Fähigkeit, sich in den Standpunkt des anderen hinein zu versetzen wird zur Grundlage des Zusammenlebens. So sagte ein Zehnjähriger zu dem Psychologen Jean Piaget "Rache hört ja nie auf". Allerdings verläuft die geistige Weiterentwicklung nur bedingt im Rahmen einer automatischen Selbstorganisation, wie z.B. weitgehend bei der Sprache. Sie wird durch Vorbilder geprägt und durch Erziehung und Umwelt angeregt und geformt.
Dies macht unsere Verantwortung gegenüber unseren Nachkommen unausweichlich. Wir sind die einzige Spezies, die ihre Umwelt selbst gestaltet, weil sie ihre Antriebe selbst steuert. Die einzige Spezies, die lebenslang neues lernen kann und damit ihre Weltbilder wie auch ihr davon abhängiges Verhalten ständig neu anpassen kann.
Die Hirnforschung hilft dabei, die Fallgruben und Täuschungen unserer Wahrnehmung wie auch unseres Gedächtnisses zu erkennen, und die Geschichtsforschung hilft uns, unser Gedächtnis zu korrigieren, damit wir frühere Erfahrungen nicht immer wieder machen müssen. Sie ist wichtig, weil sie Erklärungen liefert, wo bislang nur Vermutungen existierten, wie z. bei den Bedingungen der Suchtentstehung. Die mehr oder weniger gedankenlosen Vorstellungen von einer künstlichen Optimierung bestimmter Fähigkeiten gehören eher zur Mystik, bevor wir nicht weit mehr vom Gehirn verstehen. So sollen z.B. Versuche mit die Eiweißsynthese stimulierenden Substanzen (nach Eccles 1970) quälende Zustände des Nichtvergessenkönnens bewirkt haben. Andrerseits könnte eine Gewohnheit, unangenehme Erfahrungen mit Benzodiazepinen zu "löschen" auch dazu führen, dass wir aus ihnen nichts mehr lernen. Wie viele der aufschiebenden Entscheidungen in Politik und Wirtschaft mögen wohl auf diese Weise die letzten Turbulenzen auf den Finanzmärkten mit verursacht haben?