Falsche Erinnerungen
Durch Suggestion und Einbildung lassen sich dem Gedächtnis Reminiszenzen von Ereignissen einpflanzen, die nicht so oder überhaupt nie stattgefunden haben. Darum ist bei manchen Aussagen über traumatische Erlebnisse - etwa sexuellen Mißbrauch in früher Kindheit - Skepsis angebracht.
Im Laufe der Therapie kam die Patientin zu der Überzeugung, sie sei Mitglied eines satanischen Kults gewesen: Sie habe Säuglinge verspeist, sei vergewaltigt worden, habe Geschlechtsverkehr mit Tieren gehabt und sei gezwungen worden, den Mord an ihrer achtjährigen Freundin mitanzusehen. Schließlich glaubte sie, mehr als 120 Persönlichkeiten zu haben – die von Kindern, Erwachsenen, Engeln und sogar einer Ente.
All das, so sagte der Psychiater, komme davon, daß sie als Kind auf brutale Weise sexuell mißbraucht und körperlich mißhandelt worden sei. Er versuchte sich sogar als Exorzist; eine dieser Beschwörungen zur Teufelsaustreibung dauerte fünf Stunden, wobei er die Frau mit Weihwasser besprengte und schrie, Satan solle ihren Körper verlassen.
Als Nadean Cool endlich begriff, daß ihr falsche Erinnerungen eingepflanzt worden waren, zeigte sie den Psychiater wegen Kurpfuscherei an. Im März 1997 wurde das Verfahren nach fünfwöchiger Dauer durch einen außergerichtlichen Vergleich beendet, als der Arzt sich zu 2,4 Millionen Dollar Schadenersatz verpflichtete.
Dies ist nicht der einzige Fall, daß sich aufgrund fragwürdiger Therapiemethoden Erinnerungstäuschungen entwickelten. In Missouri wurde Beth Rutherford 1992 von einem kirchlichen Berater darin bestärkt, ihr Vater – ein Geistlicher – hätte sie im Alter zwischen sieben und vierzehn Jahren regelmäßig vergewaltigt; die Mutter sollte manchmal mitgeholfen haben, indem sie die Tochter festhielt. Unter Anleitung des Therapeuten erinnerte Beth Rutherford sich, daß ihr Vater sie zweimal geschwäng


Elizabeth F. Loftus ist Professorin für Psychologie und außerordentliche Professorin für Jura an der Universität von Washington in Seattle. Sie promovierte 1970 in Psychologie an der Stanford-Universität in Kalifornien. Ihre Forschung konzentriert sich auf das menschliche Gedächtnis sowie auf Zeugenaussagen im Strafpozeß. Sie hat 18 Bücher und mehr als 250 wissenschaftliche Artikel veröffentlicht; in Hunderten von Strafverfahren - unter anderen einigen spektakulären Prozessen um Kindesmißbrauch - war sie als Gutachterin tätig. Für ihr Buch "Eyewitness Testimony" erhielt sie den National Media Award der American Psychological Foundation. Die Universitäten Miami (US-Bundesstaat Florida) und Leiden (Niederlande) sowie das John-Jay-College of Criminal Justice der Städtischen Universität
New York verliehen ihr Ehrendoktorate. Kürzlich wurde sie zur Präsidentin der American Psychological Society gewählt.
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