Die optimierte Odyssee
Das Problem der kürzesten Rundreise ist Prototyp einer großen Klasse praktisch bedeutsamer, komplexer Minimierungs- oder Maximierungsaufgaben. Sie sind so schwer, daß man sich häufig mit einer brauchbaren Näherung zufriedengeben muß. Neue, listenreiche Verfahren liefern jedoch immer häufiger die nachweislich beste Lösung.
Martin Grötschel und Manfred Padberg
Er hätte es zweifellos kürzer haben können, wären da nicht das Schicksal, die Launen des Meeres, die Mißgunst der Götter und vor allem der mangelnde Überblick über die Geographie gewesen. Versetzen wir Odysseus in die moderne Zeit: Stellen wir uns einen Topmanager oder – prosaischer – Handelsvertreter (travelling salesman) vor. Er will alle 16 Städte in beliebiger Reihenfolge besuchen, und zwar auf dem kürzestmöglichen Wege – Zeit ist Geld. Das ist das berühmte travelling salesman problem (TSP): schnell formuliert, höchst praxisrelevant, scheinbar harmlos, in Wirklichkeit aber – für große Städteanzahlen – so schwer, daß die Mathematiker sich auch nach Jahrzehnten harter Arbeit die Zähne daran ausbeißen.
Mehr noch: Das TSP ist nur das einleuchtendste Beispiel aus einer ganzen Klasse von Problemen. Sie finden sich überall da, wo es gilt, unter Kombinationen von sehr vielen Möglichkeiten die günstigste zu finden. Beispielhaft für die unübersehbar vielen Anwendungen seien genannt:
• Zuweisung von Ladung und Personal an Lastwagen oder Frachtflugzeuge,
• Maschinenbelegung,
• Fahrplangestaltung,
• Entwurf von Mikrochips,
• Kapitalanlageplanung und
• die Gestaltung von Kommunikations-
netzen.
Für das Problem des Odysseus ergibt sich als kürzeste Rundreise eine Tour von 6859 Kilometern Länge (Kasten Seite 84 rechts unten). Die Entfernungen zwischen je zwei Städten haben wir in Luftlinie gemessen (und auf ganze Kilometer gerundet); aber selbst mit dem Flugzeug hätte Odysseus in der von ihm gewählten Reihenfolge 9913 Kilometer zu


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