Weite und Stille. Auf dem Gipfel einer jener felsigen Erhebungen stehend, die kreuz und quer die sibirischen Graslandschaften und Taiga-Wälder durchziehen, beeindruckte uns das scheinbar ungestörte Schweigen. Alle vertrauten, von Menschen produzierten Geräusche fehlten. Doch bei immer genauerem Hinhören löste sich das Schweigen in einer Sinfonie von Lauten auf, hervorgebracht von Tieren, Wasser und Wind.

Tuwa ist eine autonome Republik der Russischen Föderation unweit der mongolischen Grenze in Ostsibirien. Die dort mit ihren Herden lebenden Halbnomaden bringen eine Art von Musik hervor, die sich mit diesem allgegenwärtigen akustischen Hintergrund vereint. Umringt von Bergen und weit ab von großen Handelswegen ist Tuwa eine Art musikalische Olduvai-Schlucht – ähnlich jenem Fundort menschlicher Fossilien in Tansania lebt hier ein Archiv aus einer Welt fort, in der sich natürliche und von Menschen gemachte Klänge mischten.

Von den vielen Arten der Hirten, mit ihrer akustischen Umgebung umzugehen, sticht eine wegen ihrer Originalität hervor: eine bemerkenswerte Gesangstechnik, mit der ein einzelner Vokalist zwei getrennte Töne simultan hervorzubringen vermag. Davon dient der eine als Bordun, also als tiefer Begleit- und Halteton wie bei einem Dudelsack. Der zweite – mitunter bis zu vier – tritt als Serie flötenartiger Obertöne auf, die hoch darüber erklingen und musikalisch geformt werden können, um das Zwitschern eines Vogels, die synkopischen Rhythmen eines Bergbaches oder den Schwung eines galoppierenden Pferdes darzustellen.

Die Tuwinen nennen dieses Singen khöömei oder khoomii, abgeleitet vom mongolischen Wort für "Kehle". Im Englischen wird es allgemein als throat-singing (wörtlich "Kehl-Gesang") bezeichnet. Einige zeitgenössische westliche Musiker beherrschen diese Praxis ebenfalls und sprechen vom Obertonsingen, harmonischen Singen oder harmonischen Gesang; im Deutschen ist der erste Begriff verbreiteter. Diese ethnische Musik ist Teil ein