Springers Einwürfe
Kleine Physik der Wirtschaftskrise
Gibt es ein Hebelgesetz für Finanzmärkte?
Michael Springer
Tatsächlich hat sich in der Krise die herkömmliche Idee des Marktgleichgewichts blamiert, der zufolge umfassend informierte Akteure nur ihrem Eigeninteresse folgend Angebot und Nachfrage so auspendeln, dass Güter und Dienstleistungen sich ganz von selbst optimal verteilen. Das ähnelt der statistischen Thermodynamik, in der das mikroskopische Zufallsverhalten der einzelnen Atome zu Gesetzen für makroskopische Kenngrößen wie Druck, Temperatur und Entropie führt. Jetzt aber schlägt die Stunde der Nichtgleichgewichtstheoretiker, die seit Jahren


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1. Keine mathematische Formel für Bösengeschehen
24.05.2009, Hans-Peter Nicolai, HerlikofenSie brauchen nur eine mathematische Beschreibung des Tagesablaufs einer Affenhorde im Urwald. Wie sie morgens rülpsend und furzend aufwacht, wie sie Bananen und andere Früchte als Frühstück suchen, wie sie danach brüllend und kreischend durch die Äste jagen und den stärksten der Gruppe durch Prügelei ausfindig machen, wie sie sich zur Jagd verabreden und gierig das erbeutete Fleisch schmatzend auffressen, wie sie sich gegenseitig lausen und sich dann abends einen Schlafbaum suchen.
Wenn jemand diese Beschreibung gefunden hat, dann bitten Sie ihn, die Wunderformel auf das tägliche Börsengeschehen anzuwenden – Sie werden sich wundern, wie gut das passen wird.
In Bezug auf die „Kleine Physik der Wirtschaftskrise“ möchte ich den Optio aus „Der Seher“ (Asterix & Obelix) zitieren: „Verzeihen Sie, wenn ich um Entschuldigung bitte, aber ich verstehe nicht ...“
Das wesentliche Kriterium für den Zusammenbruch des Börsenunfugs sei ein „Hebelverhältnis“ größer als 5?
Es ist doch egal, wie viele X-Mal ich mir mehr Geld leihe als ich selbst bereitstellen kann, ich muss doch immer nicht nur das geliehene Geld selbst, sondern immer X-Mal die Schuldzinsen (Zinsen werden als Prozente des Kapital berechnet) zurückzahlen, und die Schuldzinsen pflegen immer höher als die Habenzinsen zu sein. Ich verstehe nun nicht, wie ich mehr Geld verdienen kann, wenn ich letztlich auch entsprechend mehr Schuldzinsen zurückzahlen muss. „Ein Hedgefonds verfünffacht seinen Spekulationsgewinn per Leverage, indem er das eingesetzte Kapital mit geliehenem Geld um das Fünffache aufstockt“, abgesehen davon, dass er nun den sechsfachen Gewinn einstreichen müsste (nicht “auf“ sonder „um“), das Ganze könnte ja nur dann im gewünschten Sinne funktionieren, wenn gewiss wäre, dass der Gewinn das a ×X-fache (mit a >1) wäre. Wo sonst kommt auf einmal der gewünschte Überschuss her, was nur habe ich da übersehen? Und zum Zweiten: Wenn die Hedgefonds von „Profis“ gemanagt werden (wie man uns immer weismachen will), wie kann es dann dazu kommen, dass ein „ganz unbedeutender Einzelhändler“ das System zum Absturz bringen kann (Frage nach der Psychologie)? Wo ist da die mathematische Verbindung zwischen dem „ganz unbedeutenden Einzelhändler“ und dem Leverage, sei es X = 1 oder X = 5 (Frage nach der Mathematik)?
2. Spannender Richtungsstreit in der Volkswirtschaftslehre
27.05.2009, Dr. Uwe StroinskiAus diesem „Aufruf von 83 Professoren der Volkswirtschaftslehre“ wider die Mathematisierung der ökonomischen Theorie zitiere ich:
„In der volkswirtschaftlichen Theorie herrscht die Tendenz vor, aus jeweils gewählten Annahmen logische Schlussfolgerungen abzuleiten. Das jeweilige Ergebnis ist bereits vollständig in den Annahmen enthalten. Diese Methodik garantiert formale Rigorosität, ist aber für die Analyse realweltlicher Wirtschaftspolitik wenig geeignet.“
Mit anderen Worten, die Anwendbarkeit der axiomatischen Methode auf real existierende ökonomische Problemstellungen wird gänzlich in Abrede gestellt. Damit wird natürlich ein Tabu gebrochen, denn wie sonst außer axiomatisch-reduktionistisch sollten theoretische Wissenschaften denn betrieben werden? Diese Alternativlosigkeit ist schließlich moderner Konsens und somit wird ein Kompromiss zwischen den Parteien vollkommen ausgeschlossen.
Das ist der Richtungsstreit, dem sich eine junge, angelsächsisch geprägte, Generation von deutschen Ökonomen ausgesetzt sieht. Econophysics spielte dabei bisher keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Ob sich das ändert? Bitte bleiben Sie für uns am Ball, Herr Springer.